Retten was zu retten ist

Wenn wir ein beschädigtes Textil vor uns liegen haben, müssen wir den Zustand sorgfältig analysieren und alle zur Säuberung und Konservierung notwendigen Maßnahmen in ein Konzept oder einen Plan einfließen lassen.

waschen

Zur Beurteilung, ob eine Wäsche notwendig ist, müssen wir berücksichtigen, dass Staub, Schmutz oder andere Verunreinigungen dem Gewebe auf jeden Fall schaden. Auch bei idealer Lagerung ist das Gewebe Feuchtigkeits- schwankungen ausgesetzt. Dadurch entsteht Bewegung innerhalb und zwischen den Fäden und Fasern und deshalb auch Reibung. Sind also Staub- und andere Schmutzpartikel vorhanden, kann es allein schon durch diese Reibung zu Schäden kommen. Auch können Substanzen in den Verunreinigungen enthalten sein, die Wolle zersetzen. Eiweißhaltige Flecken können zu Schimmelbildung führen usw.

 

Beispiele für unseren Vortrag sind ab jetzt verschiedene stark beschädigte Kelims oder Fragmente, die auf Grund ihrer Farbstärke, Seltenheit oder ihres Alters unbedingt erhalten werden sollen. Allein beim ersten Betrachten und erst Recht nach Einsatz einer Lupe haben wir hier erheblichen Schmutz zwischen den einzelnen Fäden festgestellt. Der Kelim riecht staubig. Wenn der Zustand des noch Vorhandenen nicht brüchig ist, können wir den Kelim vorsichtig abgesaugen. Hier hat dies alleine jedoch keine ausreichende Verbesserung gebracht, so dass wir uns zu einer Wäsche entschlossen haben.

(Die jetzt beschrieben Prozedur ist bei stark beschädigten Textilien aufwändig. Sie kann aber auch auf weniger beschädigte Stücke mühelos übertragen werden und der Aufwand hält sich dann in Grenzen.)

Waschvorbereitung:

fragmentVor jeder Wäsche muss das beschädigte Gewebe sorgfältig gesichert werden. Ziel ist, dass bei der Wäsche die bereits vorhandenen Schäden nicht größer werden können, die Schüsse bei defekten Kettfäden nicht wegrutschen können und freiliegende und zerrissene Fäden nicht aufquellen. Deshalb ist eine Sicherung aller vorhandenen Beschädigungen zwingend erforderlich. Bei kleinen Beschädigungen reicht schon die Sicherung mit einem dünnen Baumwollfaden.  


sicherung wsche 3

Bei stärker beschädigten Fragmenten aber empfehlen wir zur Wäsche eine Montage auf Plastikgitter, wie es zum Beispiel zum Fliegenschutz in Fenstern angeboten wird. Hier können lose Fäden und andere beschädigte Teile direkt mit einem weißen Baumwollfaden auf das Gitter geheftet werden. Ein Aufquellen und Auflösen oder gar Verlust wird dadurch verhindert. Ein großer Vorteil bei diesem Vorgehen ist auch, dass anschließend bei der Wäsche das nasse Textil problemloser zu handhaben ist. Ein Zerreißen und Verziehen oder gar Abreißen empfindlicher Teile ist nicht möglich. Man fasst nie am nassen Textil an, sondern bewegt immer nur das Gitter mit dem aufgenähten Textil.

sicherung wscheWie bei vielen Textilien, sind auch bei den Kelims die Ränder oft besonders belastet und sind deshalb stärker beschädigt. Sie werden daher mit einer zusätzlichen Sicherung aus dünner Fliegengaze versehen. Dies kann auch bei den Rändern größerer Fehlstellen so geschehen. Meist ist auch ein Abdecken gefährdeter Broschierungen sinnvoll, um diese zu erhalten. Ebenso sichern wir gerissene Kettfäden im sonst intakten Gewebe.

 





Ausreichende Sicherungsarbeiten vor der Wäsche sind immer und bei jedem beschädigten Textil zwingend notwendig!!

sicherung wsche 2 Das Beispiel zeigt eine völlig unzureichende Sicherung.






 

sicherung wsche 4Hier eine Sicherung auf Fliegengitter

 

 

 




Die Wäsche

Nachdem unser Textil gut gesichert ist, kommen wir zu dem Teil unserer Aufgabe, der sicher den größten Stress im Leben eines beschädigten Textils bedeutet, der Wäsche. Bei einer vorhergehenden Analyse haben wir schon den Grad der Verschmutzung und auch den Grad der Beschädigung und Beeinträchtigung sehr genau festgestellt. Diese beiden Variablen (Verschmutzung Beschädigung) verhalten sich wie die beiden Werte einer Gleichung: Sie müssen miteinander in Einklang gebracht werden. Eine starke Verschmutzung einerseits bedeutet eine intensivere, gründlichere Wäsche oder eine längere Verweildauer in der Waschflotte, was wiederum andererseits bei einem sensiblen Zustand des Gewebes nicht möglich ist, da sonst die Wolle zu stark aufquellen würde. Fingerspitzengefühl ist hier also schon bei den Vorüberlegungen gefragt.

Für die Wäsche bauen wir zuerst ein Becken, etwas größer als das zu waschende Textil. Dazu legen wir Bretter oder Balken aus, befestigen diese untereinander und legen eine starke Plastikfolie, am besten eine Teichfolie hinein. So entsteht ein flaches, cirka 15 - 20 cm hohes Becken, wie in den Abbildungen zu sehen ist. Wir legen das Textil hinein und besprühen es zunächst mit klarem Wasser. Das etwas angefeuchtete Textil ist nun aufnahmefähig für eine „Spezialbehandlung".

Zum Beispiel können wir einzelne stark verschmutzte Stellen mit etwas Waschmittel bestreichen oder auch mit Gallseifen - Creme, falls wir eiweißhaltige Verschmutzungen vermuten. Nach einer kurzen  Einwirkungszeit lassen wir handwarmes Wasser zulaufen und fügen, falls erforderlich ein Waschmittel hinzu. Danach lassen wir alles in Ruhe einweichen.

einweichen

Das Textil ist nun überall mit zwei bis drei cm Wasser bedeckt, auch eventuell abstehende Falten. Die Einweichdauer hängt vom Zustand des Textils ab, also vom vorhandenen Schmutz, den Beschädigungen und von der Festigkeit der Struktur, aber auch von der Qualität der erfolgten Sicherung. Sie kann von einer Stunde bis zu zehn Stunden dauern.

Auch während der Phase des Einweichens dürfen wir das Textil nicht gänzlich aus den Augen verlieren: Obwohl vorher alles auf lose Fäden und andere Beschädigungen durchgesehen wurde, können sich erneut Problemstellen zeigen. Auch müssen wir laufend überprüfen, ob das Gewebe nicht mehr als erwartet aufquillt. Notfalls müssen nachträgliche Sicherungen vorgenommen werden, oder die Dauer des Einweichens muss abgebrochen oder abgekürzt werden.




Zurück zu unserem Waschvorgang und noch einmal die Widerholung der Theorie:

schmutz 5Sowohl die vorhandene Verschmutzung als auch die Wäsche bedeuten eine Gefährdung für das Textil. Verschmutzungen können die Substanz durch chemische Reaktionen angreifen, Sandkörner beschädigen durch Reibung die Fasern der Wolle, Beschädigungen können sich verschlimmern.

Aber auch das Waschen eines schon beschädigten Textils bedeutet, wie schon gesagt, für dieses den größtmöglichen Stress. Waschmittel /Tenside sind alkalisch. Sie beschädigen die Wolle, wenn sie nicht vollständig wieder ausgespült werden. Außerdem bleibt dann die Wolle stumpf, der Glanz geht verloren.









 

 

schmutz 5bStarke Verschmutzungen sind nur durch eine längere Verweildauer in der Waschflotte zu lösen, wobei die Wolle aber nicht zu stark quellen darf. Bei drohender Beschädigung des Textils muss der Waschvorgang abgebrochen werden. Notfalls muss verbleibende Verschmutzung als kleineres Übel in Kauf genommen werden.

 

Hier (in der Vergrößerung gut zu sehen!) die selbe Stelle mit einer Restverschmutzung und fertig konserviert.

 

 

 


Inzwischen ist der Vorgang des Einweichens abgeschlossen, und wir beginnen jetzt mit dem eigentlichen Waschvorgang. Dazu benutzen wir eine Filzrolle mit Stil, mit der wir das Wasser bewegen und vorsichtig durch das Gewebe und die Fasern drücken. Dadurch wird der gelöste Schmutz ausgespült. Das Textil wird nicht bewegt, sondern nur zwischendurch gewendet. Manchmal sieht man jetzt vor lauter Schmutz kaum noch das Textil in der Waschflotte.

Kein Reiben oder Bürsten ist nötig und durch die vorher erfolgte Sicherung können lose Fäden sich nicht öffnen, wegrutschen oder verloren gehen.

In jeder Phase des Waschvorgangs muss das Textil genau beobachtet und eine ständige Erfolgskontrolle durchgeführt werden, das heißt ob die getroffene Maßnahme auch zum gewünschten Ergebnis führt. (Ansonsten kann und muss die Maßnahme abgebrochen werden).

Eine gute Erfolgskontrolle ist die Sichtprobe in einem Wasserglas. Ausschlaggebend für Vergleiche im Waschfortgang ist jedoch nicht eine Probe aus dem Becken, sondern wir prüfen das Wasser, das aus dem Textil herausläuft.

wasserglasLinks sehen Sie nach dem Waschgang das Wasser aus dem Textil, rechts ist das Wasser zum gleichen Zeitpunkt aus der Wanne. Der Unterschied ist enorm.









Spülen

wasserglserDer größte Teil des in der Waschflotte gelösten Schmutzes wird allerdings erst beim Spülen mit klarem Wasser wirklich aus dem Textil entfernt. Gleich zu Anfang sollte man den Kelim noch einmal auf verbliebene Flecken kontrollieren. Notfalls muss bei einzelnen Stellen erneut Seife aufgetragen werden. Aber, wie schon vorher gesagt, müssen bei einem alten Textil auch Flecken akzeptiert werden, die nicht mit herkömmlichen, sanften Methoden zu entfernen sind. Bei der Verwendung von starken Chemikalien kann sowohl das Wollmaterial als auch der Farbfilm dauerhaft beschädigt werden. Durch zu starkes Reiben kann die Wolle verfilzen. Dieser Preis wäre einfach zu hoch.

Es sind eine ganze Reihe von Spülvorgängen notwendig, und bei jedem Wasserwechsel muss eine Probe gezogen werden, um den Fortschritt zu überprüfen.

In dieser Reihe von Wasserproben ist der Fortgang einiger Spülvorgänge dokumentiert. Immer wieder wird in der Wanne das saubere Wasser mit der Rolle vorsichtig durch das Textil gedrückt und zwar so oft und so lange, bis das aus dem Textil herauslaufende Wasser sauber aussieht. Reste von schon gelöstem Schmutz können wir auch in den weißen Baumwollfäden der Sicherung erkennen.
In der letzten, sozusagen sauberen Probe prüfen wir mit einem Teststreifen den PH - Wert, der in der Regel noch zu hoch ist. Die hierfür geeigneten Teststreifen sind in jeder Apotheke erhältlich. (Vor den Gläsern liegt unsere Testskala für den PH-Wert und man sieht die Teststreifen für das jeweilige Glas.) Abschließend geben wir in das letzte Spülwasser Essig, um eventuelle Seifenreste zu neutralisieren und den PH-Wert auf etwa 5 zu senken. Dies ist fast immer notwendig, da selbst normales Leitungswasser meist einen PH-Wert um 5,6 hat.  Den unverdünnten Essig gießen wir jedoch nie direkt auf das Textil, sondern wir legen das Textil erst in das mit Essig gesäuerte Wasser.

Ganz deutlich möchten wir sagen: Bei der Wäsche > rote Karte für Schrubber oder Bürsten, > rote Karte für zu scharfe Waschmittel, Bleichmittel und natürlich für die Waschmaschine. Aber auch eine rote Karte für > das Waschen ohne vorherige Sicherung der Beschädigungen und der losen Fäden. Wir selber würden auch niemals Weichspüler oder ähnliches benutzen, auch keine Waschmittel mit Duftstoffen, Farbverstärkern oder –Aufhellern.

Das Textil sollte nach dem Waschen möglichst schnell liegend trocknen. Sind wir allerdings ganz sicher, das die Farben beständig sind und nicht auslaufen und außerdem wirklich aller Schmutz 100 % ig entfernt wurde, können wir kleine Textilien auch hängend trocknen. Die Waschunterlage verhindert ein Verziehen.