Retten was zu retten ist

 

Konservierung von Kelimfragmenten

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Dauerhafte Konservierung durch die Montage auf Leinen


Durch die Wäsche hat uns unser Textil schon eine Menge Arbeit bereitet und Stress erfahren,
und jetzt erst beginnt die eigentliche Aufbereitung oder Konservierung.
Wir entfernen zunächst alle Sicherungen, die wir für die Wäsche angebracht haben. Um daraus zu lernen kontrollieren wir, ob die abgetrennten Baumwollfäden wirklich weiß sind oder ob doch noch Schmutzreste verblieben sind.
Haben wir uns zu wenig Arbeit gemacht? Gibt es Beschädigungen? Leider ist es nicht möglich, festzustellen, ob wir uns zu viel Arbeit gemacht haben. Im besten Fall finden wir keine neuen Beschädigungen und bedauern auch den Aufwand nicht.
Das abgetrennte Textil kann jetzt vorsichtig ausgebügelt werden. Beim Bügeln mit Dampf auf niedrigster Stufe legen wir ein Leinentuch auf das empfindliche Gewebe.
Unser Ziel ist es jetzt, dieses Textil dauerhaft sicher lagern oder es auch einmal wie ein Bild an die Wand hängen zu können, ohne dass Beschädigungen entstehen. Ein Aufhängen ohne Unterlage würde auch hier eine rote Karte bekommen, da die Kettfäden eines betagten Textils dies dauerhaft nicht ohne Schäden ertragen würden.
Zu unseren Überlegungen, wie ein Textil zu erhalten ist, kommen jetzt weitere Aspekte hinzu, und wir möchten an einige grundsätzliche Kriterien erinnern.
- Alle anfallenden Arbeiten sollten mit den einfachsten Mitteln (Nadeln, Garn, Schere) zu bewältigen sein
- Der wirtschaftliche Aspekt sollte nicht vernachlässigt werden. Das heißt, auch die zeitliche Dimension (die Arbeitsmenge) sollte überschaubar sein. Der gewählte Aufwand soll im Verhältnis zur Bedeutung des Fragmentes stehen.
- Bei allen Projekten sollte ein fotografisches Arbeitsprotokoll die erfolgten Arbeiten und Veränderungen festhalten und nachvollziehbar machen.
- Ziel ist es, ein Textil zu erhalten, das der ursprünglichen Idee möglichst nahe kommt. Störende Beschädigungen sollten optisch minimiert und dauerhaft beständig konserviert, werden. Nichts darf entfernt und natürlich auch nichts hinzugefügt werden, was mit der originalen Substanz fest verbunden ist.

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 Wir sehen hier den gleichen Kelim abgetrennt und ausgebügelt (linkes Bild). Anschließend haben wir probeweise rot gefärbtes Leinen unterlegt, um die Grafik zu vervollständigen (rechtes Bild).


Ziel unserer Arbeit ist neben dem dauerhaften Erhalt eines fragmentarischen Textils also auch eine Aufbereitung, die vorhandene Beschädigungen möglichst in den Hintergrund treten lässt.
Nach der Entfernung der Waschsicherung wird der Kelim auf gewaschenem und gebügeltem Leinen zunächst ausgerichtet und dann aufgesteckt.
Sehr häufig sind bei alten Textilien einzelne Farben korrodiert oder verloren gegangen. Beim Fehlen der farbigen Schussfäden kann man durch eingefärbte Leinen-Unterlagen die Auffälligkeit der Fehlstelle mildern und das Fragment dem ursprünglichen Zustand annähern. Lässt sich doch unser Auge bei Fehlstellen gerne überreden, diese dann kaum noch wahrzunehmen oder sie zu akzeptieren.

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Beim Aufnähen des Fragmentes ist unbedingt darauf zu achten, dass freiliegende Kettfäden gerade in der Webrichtung verlaufen. Auch bei dieser Arbeit, vor allem beim partiellen Unterlegen mit farbigem Leinen, ist ein Konzept notwendig, damit nicht der Eindruck eines Flickenteppichs entsteht.
Auch das Einfärben des Leinens für die Unterlage birgt Probleme: Es ist fast unmöglich, den mit Naturfarben erzeugten Farbton eines alten Kelims bei einer Nachfärbung der Unterlage mit Chemiefarben genau zu treffen. Es entsteht dabei immer eine einheitliche Färbung, während die alte Naturfarbe lebendige, leicht wechselnde Abstufungen enthält. Typisch dafür ist die Diskussion mit unserem Färber. Wir bringen ihm Stoff zum Einfärben und zeigen ihm die Stelle, die als Farbvorlage dienen soll. Auf unsere Bitte: dieses Rot einzufärben, fragt er meist: "welches Rot genau?" Selbst um eine kleine Fehlstelle herum gibt es eine Vielzahl von Schattierungen der gleichen Farbe. Bei größeren Fehlstellen ist deshalb stets zu überlegen, ob eine farblich abweichende Ergänzung die Ästhetik eher verbessert oder stört. Manchmal ist das ungefärbte Leinen die bessere Alternative.

Konservierung 7Auch schräg verlaufende Kettfäden stören das Auge und betonen eher die Beschädigung, ebenso wie frei auslaufende farbige Schussfäden ungerichtet das Muster stören und die Beschädigung eher betonen.

 

 

 

 

Zurück zur Praxis der Montage:

Konservierung 8Soll ein größeres Textil komplett auf Leinen montiert werden, so beginnen wir immer, dieses von der Mitte aus aufzunähen. Wir spannen das Leinen mit dem aufgesteckten Kelim auf eine Art Staffelei in der Breite des Kelims, so dass immer ein Feld von ca. 50 cm Höhe bearbeitet werden kann. Wiederum beginnen wir in der Mitte dieses Feldes und arbeiten von hier nach außen zu den Rändern. Nur so können Unebenheiten zu den Rändern weggeschoben werden und es entstehen später keine Beulen in dem fertig aufgenähten Stück. (Wer einmal selbst tapeziert hat, kennt das System).

 

 

 

Hier sieht man alle Phasen dieses Systems:

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Konservierung 12Wir arbeiten mit einer gebogenen Nadel, so dass wir nicht hinter das Textil greifen müssen. Das erfordert zwar zunächst etwas Übung, ist dann aber eine wesentliche Erleichterung. Man hat beim Arbeiten beide Hände frei und kann beim Nähen auf die perfekte Ausrichtung aller Fäden achten und diese notfalls korrigieren.

 

 

 

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Fragmente dürfen niemals nur an den defekten Stellen aufgenäht werden. Das Textil hängt sonst mit seinem gesamten Gewicht nur an der Beschädigung, die sich früher oder später verschlimmert und es entstehen Beulen. (Wenn Sie das nebenstehende Bild vergrößern, sehen Sie neben diesem Fehler auch, dass hier zur Konservierung fast nur Spannstiche verwendet wurden.)

 

 

 

 

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Das nebenstehende Bild zeigt eine Rückseite in der von uns beschriebenen Technik.

 

 

 

 

 

 

 

Konservierung 18Mindestens eine gelbe Karte erhält auch die heute so gerne benutzte Technik, das Textil nur in Quadrate einzuteilen und mit Spannstichen zu befestigen. Das Ergebnis erinnert an eine Steppdecke und zu unserem Entsetzen durften wir auf einer Ausstellung anlässlich der ICOC 2007 die wunderschönsten Kelims auf diese Art und Weise montiert bewundern. Einige von Ihnen werden dies noch in Erinnerung haben. Hier ein trauriges Beispiel von einem unserer Lieblingskelims

 

 

 

 

 

Bilder von Kelims: vor der Wäsche - nach der Konservierung  (vom Auffindungszustand zur Museumswürdigkeit).