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Eröffnungsrede

Sabine Steinbock zur Eröffnung der Ausstellung am 17.04.2011:

1 Herr Oberbürgermeister, Frau Dr. Sommer,
meine Damen und Herren,

Zunächst möchte ich mich ganz persönlich, aber auch im Namen aller beteiligten Sammler beim Kultur- und Stadthistorischen Museum Duisburg und ganz besonders bei Ihnen, Frau Dr. Sommer und Ihrem Team bedanken. Unsere Idee, in den Räumen Ihres Museums frühe anatolische Kelims zu zeigen, haben Sie sehr offen aufgenommen. In jeder Phase der Vorbereitung haben wir uns hier sehr gut aufgehoben gefühlt. Alle Verhandlungen und Gespräche mit Ihnen waren auf gleicher Augenhöhe möglich, was nicht selbstverständlich ist.

Als Sammlerin anatolischer Kelims kann ich natürlich nur meinen eigenen Ansatz und meine ganz privaten Gedanken hier vermitteln. Andere Sammler würden sicherlich andere Worte und Erläuterungen finden. Die Farbigkeit früher Stücke mit all ihren Facetten dürfte aber gewiss bei den meisten mit zu den entscheidenden Faktoren für ihre Begeisterung zählen. In dieser kurzen Einführung kann ich Ihnen also nur einen möglichen Zugang vermitteln. Die Komplexität des Themas ist dadurch nur angerissen.

Die Farben meiner Träume ist ein anspruchsvoller Titel. Einerseits sehr persönlich und individuell, andererseits aber auch unergründlich und unbestimmt. Denn Träume sind Bilder und Erlebnisse, die im Schlaf vorkommen, oder bei wachem Bewusstsein als Tagträume oder Wunschträume. Letzteres kann man auch als Fantasie bezeichnen. Ganz selten reden wir über unsere Träume, oft verstehen wir sie nicht und deshalb sind Träume etwas Geheimnisvolles, für den Träumenden selbst oft rätselhaftes.
Das Thema unserer Kelimausstellung ist also ein sehr individuelles Thema und es ist zumindest doppeldeutig. Ich spreche hier als Sammler von Textilien zu Ihnen und deshalb können Sie durchaus annehmen, dass auch die Träume dieser seltenen Spezies, der Kelimsammler, gemeint sind.

Gemeint sind aber in erster Linie die Träume der Schöpfer, oder besser gesagt der Schöpferinnen von anatolischen Kelims. Die Kelims wurden von Frauen gewebt in Ausübung einer Tradition, deren Ursprünge im Dunkel der Geschichte nicht mehr, oder nur noch vage auszumachen sind.
 
Sprechen wir aber von Tradition, dann müssen wir doch alle Arten von persönlicher oder individueller, sogar von fantasievoller Gestaltung ausschließen, so ist die Lehrmeinung.
 
Wie können wir dann aber zu den Frauen, den Weberinnen der vergangenen Jahrzehnte oder Jahrhunderte finden? Verdanken wir doch die überlieferte Geschichte Anatoliens oder besser gesagt der heutigen Türkei eher der Geschichtsschreibung der Männer und zwar aus der Sicht von Männern. Sie erzählt von den Machtverhältnissen und deren Veränderungen.

Ich bin schon der Meinung, dass wir über die Web-Erzeugnisse der letzten 200 oder 300 Jahre zu den Frauen finden können, die in der Vergangenheit diese Textilien gewebt haben. Das wir teilweise in der Lage sind, ihre Wünsche und Sehnsüchte, ihre Fantasien und Traumbilder zu erkennen, indem wir nach Spuren und nach Zeichen suchen, die uns Aufschluss über die Persönlichkeit und Gedankenwelt der webenden Frauen in früherer Zeit geben können.

2 Ich kenne die Türkei durch Reisen seit über 30 Jahren und habe in dieser Zeit auch viele türkische Frauen kennen gelernt, sehr oft in ihrer häuslichen Umgebung. Als Besucher wurden wir von den Männern im Dorf vor dem Haus empfangen. Nach der Begrüßung wurden wir dann den Frauen überlassen, die uns in das Haus einluden.

3 Die Männer waren dann nicht mehr oder nur ganz selten dabei. Das Haus, oder viel früher das Zelt, war eindeutig eine Domäne der Frauen, die Männer spielten darin keine entscheidende Rolle.

4 Aber zurück zu unseren Kelims: In dieser häuslichen Umgebung, auch in den Zelten, gab es neben den geknüpften Teppichen gewebte Textilien, die anatolischen Kelims. Sichtbar in den Häusern und Zelten waren für den zufälligen Besucher nur die einfachen Gebrauchskelims mit Streifenmuster. Sie bedeckten den Fußboden, den Diwan, und den Teil der Einrichtung, der gestapelt war, zum Beispiel das zusammengelegte Bettzeug, wenn das Haus nur aus einem oder zwei Räumen bestand. Die wichtigeren gemusterten Kelims wurden in einer Truhe aufbewahrt und waren im täglichen Leben nicht zu sehen. Auf Nachfrage wurden sie aber den Gästen schon einmal stolz vorgeführt. Alte Frauen erzählten, dass sie bei Hochzeiten, Beschneidungsfesten oder auch bei Beerdigungen ihren Zweck erfüllten, zum Beispiel als Bedeckung des Sarges, als Abdeckung für das Hochzeitskamel oder für die Geschenke, aber auch um die Wand hinter dem Ehrengast zu schmücken. Nach diesen wichtigen Ereignissen wurden sie dann oft der Moschee als religiöse Stiftung übergeben, wo sie auf den Boden gelegt wurden. Diese Stücke gelangten später in den Handel, wenn sie durch große maschinengefertigte Teppiche ersetzt wurden.

Die Kelims im Haus oder im Zelt waren für die anatolischen Frauen ein vertrautes Bild in einer vertrauten Umgebung. So, wie die Gerüche im Haus oder die Stimmen der Mitbewohner. Die Farben und die Muster waren den Kindern schon von klein auf vertraut. Sie wuchsen mit den Kelims ihrer Familie auf. Ohne darüber nachzudenken, hatten zumindest die Mädchen „ihren Kelim“ schon vor dem geistigen Auge. Vielleicht im Alter von 10 – 12 Jahren webten sie ihren ersten Kelim mit Hilfe der Mutter oder Großmutter oder einer Tante.


Wir haben hier einen Kelim, der uns eine solche Geschichte erzählt.

5 Er ist nicht sehr bedeutend für die Kelimforschung und hat auch sicher kein besonders hohes Alter. Trotzdem sagen uns einige Sammler, dass sie ihn auch gerne besitzen würden, weil er ihr Herz oder ihre Seele berührt und weil er eine Geschichte erzählt.

Der Kelim besteht aus Streifen und Feldern, die aneinander gereiht sind. Außer blau und rot besteht er aus ungefärbter Wolle in verschiedenen Naturtönen. Er ist für anatolische Verhältnisse recht klein, vor Allem sehr schmal. Sein Gewebe ist sehr locker und unregelmäßig, eigentlich unprofessionell gewebt. Die eingewebten kleinen Symbole und Zeichen sind dagegen sehr fest angeschlagen.

Sie haben es bestimmt schon erraten: Dieser Kelim scheint das Übungsstück einer kindlichen Weberin zu sein. Die Breite von 75 cm hat die Spannweite von Kinderarmen. Die lockere Webart zeugt von mangelnder Kraft und mangelnder Übung. Das einfache Felder- oder Streifenmuster ist leicht zu handhaben. Das Webmaterial besteht augenscheinlich aus gesammelter Wolle. Man nahm, was gerade vorhanden war und hat sicherlich für diesen kleinen Kelim keine Wolle neu eingefärbt. Rasterelektronenmikroskopische Untersuchungen ergaben sogar, das einige Partien aus nicht bestimmbaren Tierhaaren bestanden, also nicht aus Schaf- Ziegen- oder Kamelhaar. Ob also irgend ein Haustier seine Haare dafür lassen musste und wenn ja welches, ist uns nicht bekannt. Auch die rot und blau gefärbte Wolle war sicherlich vorhanden, das Blau sogar in zwei Partien. Die junge Weberin war noch keine Färberin.
Das Mädchen hatte allerdings auch Hilfe von einer erfahrenen Weberin. Das zeigen die kleinen eingewebten Motive, die professionell gewebt und hart angeschlagen sind. Ob das obere blaue Feld der Fantasie der älteren oder der jüngeren Person entsprungen ist, bleibt Ihrer Einbildungskraft überlassen.

Damit ist allerdings die Geschichte dieses kleinen Kelims noch nicht zu Ende erzählt: Es fehlt noch die Belohnung, die das Kind für seine Geduld und für seine Mühe erhalten hat. Wir haben diese Belohnung gefunden, als sich beim Waschen des Kelims am oberen, abgeflochtenen Rand einige Fäden ablösten. Zum Vorschein kamen zwei Fäden aus echtem Gold, die eingeflochten waren. Wäre uns dieses kleine Malheur beim Waschen nicht passiert, hatten wir Ihnen diese Geschichte nicht zu Ende erzählen können. Wir haben also auch einen ganz kleinen Anteil an der Geschichte dieses Kelims.

Bei einem anderen Kelim haben wir lange schwarze eingewebte Frauenhaare gefunden. Vielleicht von einer verliebten Weberin, die den Kelim für ihren Bräutigam gewebt hatte?

Wenn sie gleich die Kelims in der Ausstellung sehen, wird ihnen besonders die erstaunliche Farbintensität dieser Stücke auffallen. Um dies zu erklären, müssen wir in die nomadische oder halbnomadische Vergangenheit der Weberinnen zurückgehen, in die Zeit, als diese Kelims entstanden sind.
Damals war einer Weberin für einen solchen Kelim keine Arbeit zu viel. Keine Zeit wurde gescheut, um Material zum Färben der Wolle zu sammeln. Die Farbe sollte so gut und intensiv wie möglich werden. Daraus folgte diese für uns kaum begreifbare Farbstärke, die sogar die Jahrhunderte überdauert hat.

Bitte stellen Sie sich die Lebenssituation unserer Nomaden einmal wirklich vor: Die Zeit im Winterlager war eine triste Zeit. Es regnet, die Berge sind Wolkenverhangen, die gesamte Umgebung ist grau/braun. Das Leben ruht.
Mit dem Beginn der wärmeren Tage beginnen auch die Vorbereitungen für die Wanderung.

6 Man zieht in die Berge dem Frühling hinterher. Bei der Ankunft blüht die Sommerweide, (die Yayla).
Nach harten und beschwerlichen Wintermonaten erwacht das Leben wieder mit Licht und Farben. Jedes Jahr ist es wie eine Wiederbelebung, dies zu erfahren. Neben dem Neubeginn in der Natur mit seiner Farbenpracht kommen auch die Jungtiere zur Welt. Eine Zeit der Wiedergeburt.
Nach dem Frühjahr ist es dann mit den Farben auch schnell wieder vorbei. In der Hitze der Sommermonate gibt es keine Blütenteppiche mehr, auch nicht im Herbst. Alles ist wieder staubig und farblos.
Es ist also nicht verwunderlich, dass Farbenpracht und Farbstärke ein elementar wichtiger Bestandteil der Kelims wurden, die auch Träger religiöser und kultischer Vorstellungen waren.

Erst als diese Bedeutungen in jüngerer Zeit in den Hintergrund traten, veränderte sich das Erscheinungsbild der Kelims.
Die Arbeitszeit wurde ein stärkerer Wirtschaftsfaktor. Der Farbenreichtum und die Farbstärke gingen zurück.
Mit dem Einsetzen von chemischen Farben die dazu oft nicht lichtecht und haltbar waren, wurde diese Tendenz verstärkt. Gleichzeitig wurden die überlieferten Motive (da nicht mehr verstanden) nachlässiger gewebt. Das Wissen um die Inhalte und Bedeutung der Ornamente verflachte und die Kelims verloren ihre individuelle Ausstrahlung. Mit dem Einsatz von maschinengesponnener und damit gleichmäßiger Wolle und verstärkter Auftragsarbeit sind wir dann in der Mitte des 20. Jahrhunderts angekommen. Ein Kelim ist ein Handelsobjekt geworden, bei dem die Kosten für die Herstellung der Farben und die Zeit für die Herstellung der Wolle, sowie für die Webarbeit der dominierende Faktor geworden ist.
Sammlungswürdig und damit auch museumswürdig sind die Stücke, die für den Eigenbedarf mit pflanzengefärbter, handgesponnener Wolle in hoher Farbqualität entstanden sind.
 
Geschichten erzählen diese Kelims aber erst, wenn Sie ihnen Ihre Seele öffnen. Nehmen Sie sich Zeit, aber vor Allem machen Sie sich vertraut mit den Bildern und mit den Farben einer Welt, die ohne diese textilen Zeugnisse und Schätze längst verloren gegangen wäre.

Wir, die Sammler, wünschen Ihnen dabei viel Freude.

Ausstellung Kelim - Textile Kunst aus Anatolien.

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Kelim: Textile Kunst aus Anatolien.

Deutsches Textilmuseum Krefeld 13.10.2002 - 5.01.2003 und

Pfalzgalerie Kaiserslautern 31.08.2003 - 29.10.2003

Bildergalerie Ausstellung Krefeld

 

Bildergalerie Ausstellung Kaiserslautern

AUSSTELLUNG DUISBURG 2011:

museum

Die Farben meiner Träume

Frühe Kelims aus Anatolien

17. April bis 3. Juli 2011 im Kultur- und Stadthistorischen Museum Duisburg

Kelims (türkisch kilim) sind gewebte Textilien, die ursprünglich die Zelte orientalischer Nomadenvölker auskleideten. Die Stücke in der Präsentation stammen aus Anatolien und sind zum Teil über 200 Jahre alt. Die Herstellung der farbenprächtigen Gewebe lag in Frauenhand. Die Weberinnen verfügten teilweise über herausragende handwerkliche und künstlerische Fertigkeiten. Jeder Nomadenstamm hatte eigene Muster, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Noch heute ist die Herkunft der Kelims anhand ihrer Motive identifizierbar. In der Ausstellung sind mehr als 30 großformatige Kelims aus verschiedenen Privatsammlungen zu sehen, darunter auch einige einfachere, ungemusterte Streifenkelims, die für den täglichen Gebrauch bestimmt waren und deswegen nur sehr selten erhalten sind. Die aufwändiger gestalteten Stücke, manchmal als Kultkelims bezeichnet, wurden dagegen für einen besonderen Anlass, wie Hochzeit, Geburt oder Beerdigung, gefertigt und anschließend einer Moschee gestiftet. (Text übernommen aus dem Flyer zur Ausstellung.)
Eine Einführung in das Thema und die Ausstellung finden Sie in dieser Eröffnungsrede.

Bildergalerie der Ausstellung in Duisburg            Bildergalerie zu Planung und Aufbau der Ausstellung

Album: Anatolian kilims "Die Farben meiner Traüme". Photos Ali Tuna  

AUSSTELLUNG ISTANBUL 2011

istanbul2011

17th - 19th century Anatolian Kilims from the collection of the Gülgönen family and the Museum of Turkish and Islamic Art

18.Mai - 17.Juli 2011

Museum of Turkish and Islamic Art (Türk Ve Islam Eserleri Müzesi)

 

Bildergalerie Istanbul

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